Sie ist immer da,
in ihrem Rechteck,
jeden Tag,
vom Erwachen bis zum letzten Licht.
Es ist ein Fenster
in der obersten Etage
des Altersheimes.
Manchmal steht sie,
auf das Fensterbrett gestützt.
Sie ist klein und breit.
Manchmal sitzt sie,
dann ist nur ein Teil des Kopfes sichtbar.
Doch sie ist immer da,
in ihrem Rechteck,
und schaut hinaus,
auf eine Aussicht,
die diese Bezeichnung nicht verdient.
Wohin blickt man,
wenn man bereits alles gesehen hat?
Wonach hält man Ausschau,
wenn es nichts mehr zu entdecken gibt?
Woran denkt man,
wenn die Welt zu einem Rechteck wird,
zu einem Bild, in dem sich nur Nuancen ändern?
Sie ist immer da,
in ihrem Rechteck,
und ich winke,
doch sie sieht mich nicht.

Original Photo by Ultor
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Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in neue, and’re Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, es will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden… Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse
01
Es ist sein letzter Tag auf Erden. Er weiß es. Niemand sonst. Morgen früh wird er nicht mehr erwachen. Er blickt aus dem Fenster seiner Wohnung, die Sonne scheint hinein. Heute sieht er sie zum letzten Mal, sie wird nie mehr aufgehen, nur einmal noch untergehen. Wenn er Pech hat, ist Leermond oder der Himmel bewölkt in der Nacht, und er kann sich nicht mehr vom Mond verabschieden. Er nimmt den Kalender, sucht den heutigen Tag. Vor drei Tagen war Halbmond, er nimmt weiter zu, also kann nur das Wetter einem letzten Treffen im Wege stehen. Im Moment ist der Himmel noch wolkenlos.
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Eine leichte Bewegung nur, ein Aufbäumen in Ansätzen. Sie hebt ihr Becken. Sein Atem stockt. In der Aussenwelt hängt ein bleicher Mond am Himmel, lässt Sonnenlicht aus einer anderen Zeit durch das kleine Fenster gelangen, zeichnet eine rudimentäre Form auf ihre Haut. Er folgt den Konturen mit dem Daumen, dann mit seinen Lippen. Jede Regung ihres Körpers lässt die Linien über Poren stolpern, sanft fügen sie sich ihren Rundungen. Er schiebt seine Hand über ihren Bauch; sie ist seltsam schwer, und als sie träge über das Muster aus weissem Licht wandert, wirkt sie alt. Er bewegt sie hin zu ihrem Schoss, in den Schatten ihrer Weiblichkeit, tiefer hinab, zwischen ihre Schenkel. Als seine Finger sich leicht krümmen, scheint es heller zu werden, die Form auf ihrer Haut leuchtet vor seinen Augen. Eine leichte Bewegung nur, ein Aufbäumen in Ansätzen. Sie hebt ihr Becken. Sein Atem stockt. Und die Aussenwelt verschwindet. Was bleibt, ist das Sonnenlicht aus einer anderen Zeit, vom Mond auf ihre Haut gezeichnet.

Original Photo by Red Richman
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Ich bin schlecht im Bett. Richtig schlecht. Es ist ein Glück, dass sich nicht alle Frauen, mit denen ich jemals unter einer Decke steckte, zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen haben, um ihr diesbezügliches Trauma bewältigen zu können. Meine Qualitäten als Liebhaber verkümmern weit unterdem Durchschnitt, in einer Disziplin, in welcher auch Durchschnittsnoten mangelhaft sind. Das vernichtende Urteil gefällt haben derweil nicht die betroffenen Frauen, sondern Menschen, die ich nicht kenne, die ihrerseits aber über mich genau Bescheid wissen.
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Man kann sie halten, die Dinge,
ohne dem Halten einen Gedanken zu schenken,
alles ist ruhig, alles ist gut.
Man hält den Teller, den Taschenspiegel,
man hält das gefüllte Weinglas,
alles ist klar, alles selbstverständlich.

Im Moment des Entgleitens
ist es bereits zu spät,
es gibt kein Zurück mehr,
und während das Weinglas fällt,
verharrt die Zeit, nur für einen Augenblick,
und man steht still und starr und schaut und weiss,
was geschehen wird.
Das Entgleiten noch nicht realisierend,
spürt man bereits dessen unweigerliche Folge,
mit gelähmten Armen und leerem Blick
beobachtet man das Weinglas,
das in der Luft hängt,
wie ein Mahnmal, eine Drohung.
Noch ist alles taub,
noch ist da nur Ohnmacht, nur Beklemmung,
doch der Schmerz, er wird kommen,
er wird da sein, sobald die Zeit sich wieder regt.
Das Weinglas fällt.
Man fällt mit ihm.
Das Weinglas, der Aufprall,
ein Klirren, ganz kurz.
Man selbst
fällt weiter,
denn es gibt kein Halten mehr.
Original Photo by Lione Bakker
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Da ist diese Sitzgelegenheit, und er nimmt die Gelegenheit wahr, und nun sitzt er da, am Bahnhof, inmitten von Menschen, die er nicht kennt, Menschen, die ihm eigentlich nichts bedeuten, und doch geben sie ihm viel, sie füllen die leere Zeit, von der er Unmengen hat, und das Gemurmel der Leute und das Stöckelschuhgeklapper, das Husten und Räuspern, das Lachen und Rufen, alles verdichtet sich zu einem Brei, der in seinen Kopf tröpfelt, und er beobachtet sie, die Menschen, die sich oft ähnlich und doch niemals gleich sind, er mustert sie und wundert sich über ihre Gesichter, die von Freude und Trauer erzählen, von falschem Stolz und echter Angst, von unterdrückten Leidenschaften und offensiver Selbstzufriedenheit, von Entbehrungen und Überfluss und Begehren und Überdruss, und so schaut er ihnen zu, den Menschen, wie sie menscheln, die Menschheit darstellen und ausmachen, alle zusammen, und auch er gehört dazu, obwohl er nicht so richtig dazugehören mag, und manchmal, da lächelt er, und hin und wieder lächelt jemand zurück, und dann mag er sie, die Menschen, mag den Moment.
Die anderen Menschen sehen ihn an und denken: ‚Der ist seltsam.’
Und verpassen die Gelegenheit.

Original Photo by Eduard Moise
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Du musst uns gute Gründe liefern.
Dass dir ein Zugang zu Schule und Beruf
ebenso verwehrt bleibt
wie unverschmutztes Trinkwasser,
ist keiner dieser guten Gründe.
Wenn dein Sohn kein Kind sein darf,
sondern als Soldat zu dienen hat,
wenn deine Töchter geschändet
und verschleppt werden,
wenn eine Mine in dein Bein beisst
und Flammen deine Hütte fressen,
kümmert es uns nicht,
und wenn du sterben solltest,
dann stirbst du nicht in unserer Welt.
Wir hassen dich nicht. Keineswegs.
Du bist uns einfach egal.
Und musst uns gute Gründe liefern,
damit wir uns für dich interessieren.
Wir brauchen gar nicht viel,
unsere Ansprüche sind nicht sonderlich hoch.
Es reicht schon,
wenn du unserer Grossmutter
die Handtasche entwendest.
Zu Not tut es auch
die Grossmutter eines Nachbarn.
Das wäre ein guter Grund.
Und sollte doch zu schaffen sein,
nicht wahr?
Original Photo by Paolo D. Nacpil
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Wir gehen auf dem schmalen Grat,
denn es gibt keinen anderen Weg,
dies ist unsere Route,
und die Wegweiser,
sie zeigen nicht nach Norden oder Westen,
sondern stets auf uns.
Da ist kein Handlauf, keine Brüstung,
kein Seil, das uns sichert,
und wenn wir fallen,
fallen wir tief.
Niemand wacht über uns,
niemand fängt uns auf,
wenn wir stolpern,
und niemand zeigt
auf die gefährlichen Stellen,
die vor uns liegen.
Da sind nur wir,
auf dem schmalen Grat,
auf dem Weg durch unser Leben;
wenn wir unachtsam sind,
stürzen wir ins Nichts,
doch wenn wir uns halten,
gegenseitig und aneinander,
dann können wir sogar tanzen
auf dem schmalen Grat.

Original Photo by democreate
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Raupen sind doof,
Raupen sind nimmersatt,
machen Salatblätter löchrig
und Salatzüchter wütend.
Schmetterlinge sind schön,
sind herzerwärmend,
kein anderes Tier darf
in unseren Bäuchen fliegen.
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Wenn all der Ballast wegfällt,
wenn Tand und Trödel von den Regalen geräumt
und leere Becher entsorgt sind,
wenn der Zierrat verschwunden
und jeder Fetzen Papier zerknüllt ist,
wenn alles, was nicht benötigt wird,
auch nicht mehr gebraucht wird,
wenn alles, was nicht da sein muss,
auch tatsächlich nicht mehr hier ist,
bleibt das,
was wichtig ist,
essenziell ist.
Die Essenz des Lebens.
Und man ist ein wenig bestürzt,
dass so viel nicht mehr hier ist.
Und man ist dankbar,
dass dennoch alles da ist.
…und nackt, wie wir sind, halten wir uns und atmen uns und geben uns warm und spüren unsere Hüllen und fühlen unsere Herzen und sind wir und sind da und…
Danke. Du da.

Original Photo by artdibujar
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Wo beginnt es?
Wohl kaum mit der Atombombe.
Wenn lächerliche und gefährliche Menschen
mit dieser hantieren und argumentieren,
liegt darin kein Anfang.
In zerstörten Häusern und Massengräbern
findet sich keine Wurzel,
in blutverschmierten Kleidern
und geschundenen Körpern
wohnt kein Ursprung.
Diese Dinge, die Dinge dieser Welt,
sie sind zwar Anzeichen dafür,
wo es hinführt.
Doch wo beginnt es?
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Der Spaziergang ist längst keiner mehr,
ist zum Orientierungslauf geworden,
was grundsätzlich kein Problem wäre,
doch da ist keine Route eingezeichnet,
und ein Ziel ist zwar festgelegt,
seine Lage aber ebenso unbekannt wie
die Entfernung bis zu jenem ominösen Punkt.
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«The world was ordained to endure, as all learned men affirm, 6000 years. Now of that number there be passed 5552 years, so that there is no more left but 448.»
Hugh Latimer, Bischof und Märtyrer, 1552 A.D.«Darin besteht die Liebe: Dass sich zwei Einsame beschützen und berühren und miteinander reden.»
Rainer Maria Rilke

Eine Wiedergeburt ist schon seltsam. Es ist nicht einfach, mit der Tatsache umzugehen, dass man zwei Leben hat, die in der Chronologie nacheinander stehen. Während 24 Jahren wusste ich nichts vom anderen Teil meiner Existenz, doch jetzt blicke ich zurück auf ein erstes Dasein mit all seinen Eindrücken und Erlebnissen und auf ein zweites Leben, in dem sich immer mehr Erinnerungen anhäufen. Manchmal vermischen sich die beiden Welten, doch in der Regel ist die Grenze klar, die Unterschiede zu evident.
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Du suchst den imaginären Schraubendreher, um den kleinen Geländewagen zu reparieren, der in einen Unfall verwickelt war und nun kaputt ist und Schmerzen hat. Du drehst an imaginären Schrauben, stellst den umgekippten Wagen wieder auf die Räder, und tatsächlich, er fährt einwandfrei, alles ist wieder in Ordnung, und du bist zufrieden und glücklich und stolz, und ich bin es auch, mehr als das.
Nur ein kleiner Stich ist zu spüren.
Während du den imaginären Schraubendreher suchst und findest, wird mir erneut bewusst, was ich verloren habe. Und dass ich wohl zu alt bin, zu erwachsen und zu satt, um noch von dir lernen zu können.

Original Photo by Jim Loomis
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Sie ziehen Lastwagen, kippen Autos um und tragen Baumstämme die Treppe hoch. Sie sind «The World’s Strongest Men», die stärksten Männer der Welt. Und irgendwie sind sie ziemlich putzig anzusehen, auch wenn dies keineswegs die Resonanz ist, die sie mit ihrem seltsamen Verhalten auslösen möchten. Nein, sie wollen der Welt beweisen, wie stark sie sind. Doch selbst der testosteronhaltigste Vertreter der Spezies Mann, der auch einem Säbelzahntiger oder einem anrollenden Schützenpanzer furchtlos entgegentreten würde, hat Angst. Angst vor dem anderen Geschlecht. Zugeben würden sie dies natürlich nicht. Männer kennen keine Angst. Schon gar nicht vor Frauen.
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